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Regelmäßige Beiträge über Osteopathie und Medizin im „Leut´ und Leben Magazin“
(Ausgabe: Sommer 2017)

Alarmglocke – Tinnitus

Fast jeder hatte schon einmal unangenehme, pfeifende Geräusche im Ohr. Sie kommen plötzlich, unvermittelt und verschwinden nach einigen Sekunden wieder. Meistens zumindest.
In Europa ist jeder zehnte dauerhaft von diesen Geräuschen geplagt, in Deutschland leiden über 3 Millionen Menschen an einem Tinnitus.

Die Geräusche können von pfeifend, klingelnd, rauschend, pochend bis summend sein. Es gibt außerdem Varianten der Tonhöhe und auch die Stärke variiert von konstant bis phasenweise. Verschwindet das Syndrom nicht nach mehreren Stunden oder sogar über Nacht, sollte ein Hals-Nasen-Ohrenarzt aufgesucht werden.
Von einem akuten Tinnitus wird gesprochen, wenn die Geräusche nach spätestens 3 Monaten wieder verschwunden sind. Dauern die Beschwerden länger, spricht man von einem chronischen Tinnitus.
Bei 2-3% der Menschen, die länger an Tinnitus leiden, tauchen zusätzlich häufig Schlafstörungen, Ängste, depressive Verstimmungen oder Kopfschmerzen auf.

Der HNO-Arzt stellt fest, um welche Art des Tinnitus es sich handelt. Man unterscheidet zwischen objektiven und subjektiven Tinnitus. Objektiv bedeutet, man hört ein körpereigenes Geräusch, wie zum Beispiel Blutstromgeräusche. Bei 99% der Betroffenen liegt jedoch ein subjektiver Tinnitus vor.
Die Hörzellen im Ohr sind wie die Tasten eines Klaviers angeordnet. Die hohen Töne vorne, die tiefen Töne hinten. In unserem Gehirn gibt es einen Bereich, der das Gehörte verarbeitet. Wenn Schallwellen auf die Zellen im Ohr treffen, leiten Nerven die Reize an den Bereich im Gehirn weiter, der für das Hören zuständig ist. Wenn hier Störungen auftreten, kann das unterschiedliche haben.
– Hörsturz
– Entzündungen des Ohrs
– Schall bzw. Knalltrauma
– Fremdkörper im Gehörgang
– Stoffwechsel- und Nierenerkrankungen
– Medikamente (Nebenwirkungen)
– Herz-Kreislauferkrankungen
– Störungen der Halswirbelsäule
– Kiefergelenksprobleme wie z.B. Zähneknirschen oder Zähnepressen
– verspannte Kopf- und Nackenmuskulatur
– Alltagslärm, berufsbedingter Lärm

Die Ohrengeräusche sind für manche Menschen mit Tinnitus wie ein innerer Seismograph oder eine Art Alarmglocke, sie deuten an, das eine Überlastung vorliegt. Körperlicher und seelischer Stress lösen zwar nicht unmittelbar einen Tinnitus aus, aber offenbar begünstigen psychische Faktoren die Entwicklung dieser Erkrankung.

Tinnitus – und was nun?

Es gibt eine Vielzahl von Behandlungsmethoden: Die Möglichkeiten reichen von klassischen Methoden wie Infusionstherapien, Sauerstofftherapie, Neuro-Musiktherapie bis hin zu vielen alternativmedizinischen Maßnahmen. Dazu zählen beispielsweise Yoga, Ruhe und Entspannung, vitalstoffreiche Ernährung, Traditionelle Chinesische Medizin, Akupunktur, Schröpfen oder Blutegeltherapie. Manche Patienten nehmen zudem Hilfe in Form von Selbsthilfegruppen oder Verhaltenstherapien in Anspruch. Liegt der Ursprung des Tinnitus in Problemen des Nackens oder des Kiefers, kann eine Therapie der Halswirbelsäule oder des Kiefergelenks, Physiotherapie, Osteopathie oder Cranio-Sacral-Therapie Erleichterung bringen.

6 hilfreiche Übungen zur Entspannung der Kopf, Kiefer- und Gesichtsmuskulatur

1. Sitzen Sie entspannt, atmen Sie tief in den Bauch ein. Dann greifen sie mit den Händen an Ihre Ohrmuschel. Der Daumen befindet sich in der Ohrmuschel, die Finger sind hinter dem Ohr am Übergang zum Kopf. Beginnen sie vorsichtig die Ohrmuschel sternförmig von innen nach außen zu ziehen und leicht zu massieren.

2. Legen Sie den Zeigefinger an den Rand des Gehörgangs und streichen sie diesen rund herum kreisförmig 3-4mal aus.

3. Entspannung Sie Ihr Kiefergelenk, indem Sie den Zeigefinder in den Gehörgang legen, der Fingernagel zeigt dabei nach hinten (Vorsicht bei langen Nägeln). Beginnen Sie die Finger leicht nach oben und unten zu schütteln.

4. Legen sie die Fingerspritzen auf die Unterkieferknochen. Beginnen Sie, leicht auf die Muskulatur zu klopfen. Zuerst ein paar Mal auf der Stelle klopfen, anschließend weiter über die Backen bis unter die Wangenknochen klopfen. Das Klopfen können Sie auch durch kreisende Bewegungen ersetzen.

5. Greifen Sie mit Daumen und Zeigefinger die Backen. Nun die Backen vom Gesicht wegziehen und ausschütteln.

6. Sitzen Sie entspannt, atmen sie tief in den Bauch ein. Bei der Ausatmung summen Sie in einer Tonhöhe, die möglichst in den Ohren vibriert. Den Summton möglichst lange halten und mehrmals wiederholen.

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Beitrag im „Leut´ und Leben Magazin“
(Ausgabe: Frühjahr 2016)

Nehmen Sie Schmerzen nicht auf die leichte Schulter

Schon winzige Bewegungen stechen plötzlich, das Anziehen fällt schwer, nachts wird der Schlaf durch den Druck auf dem betroffenen Arm gestört, Überkopfbewegungen sind plötzlich eine Herausforderung. Ganz klar: Wenn die Schulter nicht mehr richtig funktioniert, leidet die Lebensqualität. Ist man von Beschwerden in der Schulter geplagt, sollte man schnell handeln. Eine per Ultraschall, Röntgenbild oder Kernspintomographie gibt Aufschluss über den Zustand der Schulter. Die Diagnosen des Orthopäden haben dann Namen wie Impingementsyndrom, Frozen Shoulder, Kalkschulter, Schulter-Arm-Syndrom, Schleimbeutelentzündung, Arthrose oder Rotatorenmanschettensyndrom. Und allesamt sind sie schmerzhaft.

Wie die Schulter funktioniert, wenn sie funktioniert
Wer formuliert, dass ihm die Schulter weh tut, meint in der Regel den Bereich zwischen dem Oberarmkopf und dem Schulterdach. Der komplette Schultergürtel besteht aus insgesamt fünf Gelenken und diversen Punkten, an denen der Schmerz sitzen kann:

1. dem Gelenk zwischen aus Schulterblatt / Gelenkpfanne und Oberarmkopf
2. dem Gelenk zwischen Schlüsselbein und Brustbein
3. dem Gelenk zwischen Schlüsselbein und Schulterblatt
4. dem Gelenk zwischen Schulterblatt und Brustkorb
5. dem Nebengelenk zwischen Schulterdach und Oberarmkopf

Das Schultergelenk sitzt nicht wie das Hüftgelenk in einer gut umschlossenen Gelenkpfanne, sondern besteht aus mehreren kleinen Gelenkpfannen und einem Apparat an Bändern. Die Schulter wäre ohne eine zusätzliche und schützende Muskelmanschette rund um das Gelenk sehr instabil. Der Bewegungsradius, der sich bei gesunden Menschen ergibt, beträgt etwa 180 Grad bei Abspreizung, 40 Grad beim Anziehen, 170 Grad beim Vorführen, 40 Grad beim Rückführen sowie etwa 70 Grad bei Rotation in beide Richtungen.

Beschwerden lindern und beheben
Um die Schulterbeschwerden in den Griff zu bekommen, sollten – soweit es möglich ist – alle Faktoren behoben werden, die den Schultergürtel in seiner Funktion stören. Diese Maßnahmen können Sie selbst ergreifen:

– tägliche Belastungen und Bewegungsmuster beobachten und gegebenenfalls ändern (z.B. Ordner mit der
andern Hand aus dem Regal nehmen)
– keine Kaugummis kauen, das belastet die Kiefergelenke und die Kaumuskulatur, die wiederum mit dem
Schultergürtel verbunden sind
– so oft wie möglich barfuss gehen und dadurch die Fußsohlen entspannen, ja die Fußsohle hat
Verbindungen zur Schulter!
– Freizeitbeschäftigungen wie Bowlen, Häkeln, Stricken, Fensterputzen und Arbeiten über Kopf möglichst
vermeiden
– sein Übungsprogramm zusammenstellen lassen oder eine geeignete Sportart suchen (wie z. B. Langlaufen,
Nordic Walken, Klettern; auch Werfen verbessert die Beweglichkeit der Schulter)
– den Arbeitsplatz ergonomisch anpassen (z.B. mit einer ergonomischen Maus)
– regelmäßig kurze Pausen am Computer machen, um die Augenmuskulatur zu entspannen – das entspannt auch
den Nacken

Versierte Therapeuten versuchen mit manuellen Behandlungsmethoden die festgefahrenen Gelenke, verspannten Muskeln und Faszienzüge zu lockern und so die Bewegungsfähigkeit auf der Gelenkebene wieder herzustellen. Kommt man trotz dieser Maßnahmen um eine Operation nicht herum, empfiehlt es sich, vorher die Muskulatur zu trainieren und für sehr gute Beweglichkeit der umliegenden Gelenke zu sorgen. Je besser der Zustand vor einer Operation ist, umso besser kann der Körper danach genesen.

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Beitrag im „Leut´ und Leben Magazin“
(Ausgabe: Sommer 2015)

FASZI(E)NIEREND!
FASZIEN – geheimnisvolles Gewebe

Fußballnationalspieler tun es. Hollywoodstars haben es für sich entdeckt: „Faszientraining“ nennt sich der neueste Trend aus der Fitnesswelt. Plötzlich gibt es eine Vielzahl von Artikeln, Fernsehsendungen, speziellen Übungen und therapeutischen Techniken, die Faszien ganz genau unter die Lupe nehmen. Doch worum handelt es sich dabei eigentlich und was wird hier trainiert oder therapiert?

Ein natürliches Netzwerk

Der menschliche Körper hat mehr mit der Natur gemeinsam, als man denken mag. Richtet man seine Aufmerksamkeit bei einem Spaziergang im Grünen auf feine Details, entdeckt man häufig Strukturen, die man mit dem menschlichen Innenleben vergleichen kann. Wenn man zum Beispiel ein Spinnennetz sieht, ähnelt dieses tatsächlich einer stark vergrößerten Faszienstruktur. Genau wie die feinen Fäden des Netzes haben fasziale Fasern eine unglaubliche Bewegungsvielfalt. Sie können sich enorm verlängern oder verkürzen, sie können sich teilen und sogar verbreitern. Diese Bewegungen passieren in unserem Körper permanent, sogar wenn wir liegen oder sitzen – denn das Gewebe ist ständig in Bewegung. Ein weiteres Beispiel aus der Natur: Zerlegt man eine Orange oder Mandarine und lässt nur die weißen Häutchen übrig, kann man sich anhand dessen, was man sieht, ebenfalls vorstellen, wie fein und intensiv unser komplettes Gewebe von Faszien durchzogen wird.

Welche Aufgaben haben Faszien im Körper?

Unsere Knochen geben das Gerüst vor, die Muskeln sind für die Kraft zuständig. Faszien dagegen haben die Aufgabe, dem Körper Stabilität in der Dynamik zu geben. Sie sind feine, zähe Häute, die den Körper zusammenhalten und Knochen, Muskeln, Sehnen und Organe miteinander verbinden. Außerdem enthält die höchstens drei Millimeter dicke Schicht aus Elastin, Kollagen und Bindegewebszellen auch Nervenenden, die Informationen wie Schmerz übermitteln. Geprägt durch unsere individuellen Bewegungs- und Haltungsmuster bahnen sich die Faszien ihren Weg durch den Körper und sind letztlich verantwortlich für die Gesamtbeweglichkeit. Stress, Operationen, Schonhaltungen oder Bewegungsmangel sorgen für Verkürzungen, Verklebungen oder Verhärtungen der Faszien – was in der Folge zu zusätzlichen körperlichen Beschwerden führen kann.

Wie kann auf das fasziale Gewebe eingewirkt werden?

Das Zauberwort lautet auch hier: Bewegung. Spezielle Übungen können die Faszien prophylaktisch mobilisieren, dafür wird der Körper durch Dehnen, Springen, Federn oder Schwingen beweglich gemacht. Wenn Beschwerden in Form von Verhärtungen oder Verklebungen vorliegen, können geschulte Therapeutenhände diese durch sanfte und unsanfte Drucktechniken lösen und das Gewebe wieder ins Gleichgewicht bringen. Diese Technik wird beispielsweise in der französischen Osteopathiemethode gelehrt, dort lernt man, die Faszienbewegung zu fühlen und die Dichte des Gewebes zu ertasten. Wenn die Belastungsachsen im Körper nicht optimal ausgerichtet sind, verdichtet sich das Gewebe. Diese „dichten“ Stellen können vom Therapeuten ertastet sowie entsprechend behandelt und gelöst werden.